Chaoskekse

Bitte, darf ich mich in der langen Reihe zur Verleihung des „Heldin-des-Alltags“-Ordens anstellen? „Die Kinderlein sind so arm“, dachte ich, „seit Tagen in Quarantäne, alle langweilen sich, die Hörbücher können zwar die Kinder noch, aber ich nicht mehr hören, die Bücher haben bald keine Buchstaben mehr auf den Seiten, weil sie ausgelesen sind, machen wir doch mal was anderes: Backen wir Kekse!“ Natürlich waren alle begeistert, natürlich wollten alle Teig kneten, was ich aber noch erfolgreich abwehren konnte, indem ich sie anwies, die Ausstecherdose auszuleeren und die schönsten ausszusuchen. Das dauerte.

Die Instruktionen zum Ausstechen lauteten: Hände waschen, an den Tisch setzen, Arbeitsfläche leicht bemehlen, jeder bekommt ein Stück Teig und darf was auch immer er will ausstechen.

Kind 4 bröselte vor sich hin – dass dieser Teig sich nicht in Kekse verwandeln würde, war sowieso klar. Irgendwann zog sie aus ihren geheimen Hosentaschentiefen einen Filzstift und bemalte die Krümel.

Kind 2 stach zuerst schöne Kekse aus, begann dann aber – ihre Liebe liegt definitiv im Detail – mit Zahnstochern Muster in die Kekse zu ritzen und zu stechen. Arbeitsaufwand: ca. 5 Minuten pro Keks.

Kind 3 stach großzügig Kekse aus (also ca. 2 Stück pro Teig auswalken), ich versuchte nebenher schnell ein paar verwertbare Kekse zu produzieren, nur unter größtem Gebrüll, das wäre SEIN SEIN SEIN Teig. Außerdem brauchte er – auch jedesmal unter Gebrüll – genau den Ausstecher, den seine Schwester gerade benützte. Und den Nudelwalker. Gebrüll. Und die Zahnstocher. Gebrüll. Und das Mehl. Gebrüll.

Kind 1 machte brav Kekse, gab aber wegen des Gebrülls bald auf und verzog sich ins Zimmer.

Der Teig war zwischenzeitlich eine klebrige warme Masse und als Kind 3 auf seinen faustgroßen Teig ein halbes Kilo Mehl schüttete und in den Teig zu kneten versuchte, sich dabei die Hände an Hose und Pullover abputzte und sich dringend am Kopf kratzen musste, dann, von oben bis unten weiß, durch das Wohnzimmer rannte, schwand mein letztes Fitzelchen Geduld endgültig. Keksausstechverbot für Kind 3. Gebrüll. Wütendes Kind ausziehen, notdürftig waschen und in den Pyjama stecken.

Kind 4 hat mehr Teig unter als auf dem Tisch.

Kind 2 produziert weiterhin Kleinkunstwerke. Der heiße Herd wartet.

Mutter schwört sich, Kekse nur noch allein und im Geheimen zu backen.

Zusammenfassung:

Aus einem halben Kilo Butterkeksteig wurden ungefähr 25 Kekse, für diese 25 Kekse rannte der Herd ca. eine Stunde, die meiste Zeit leer, auf Nachschub wartend. Mehlverbrauch für den Teig hat sich während der Produktion verdoppelt, der Aufräumaufwand hat sich verdreifacht, ebenso der graue-Haare-Faktor. Mütterliche Einsicht: Keksebacken mit Kindern ist nicht mehr so adventlich und entspannend, wie es mit Kind 1, damals noch Einzelkind, war. Oder Alter macht ungeduldig.

Dabei schauen sie so unschuldig, die Kekse:

4 Comments

  1. Ich weiß, das war sicher nicht lustig für dich, aber ich musste jetzt trotzdem lachen :-). Und ich bewundere dich – ich krieg schon mehrere Anfälle, wenn ich mit einem Kind (das ständig „Ich, ICH kann das!“ schreit) Kekse zu backen versuche….
    Aber schön sehen sie aus und ich hoffe, sie schmecken auch!
    LG von Steffi

  2. Ich liebe diese Geschichten! Sie geben mir das Gefühl, dass ich nicht die einzige bin, der nach einer halben Stunde Teig-wie-Knetmasse-Behandlung, Ei am Boden statt in der Schüssel und Mehl quasi überall keine Geduld mehr hat. Aus der Distanz betrachtet: herrlich 🙂
    alles Liebe, Silke

  3. Achja, hier hatte ich noch garnicht meinen Senf zu abgegeben, weil ich noch keine Zeit hatte *gg*
    Die Geschichte ist SUPER!!!!! Und ich weiß GANZ genau, was Du da durchgemacht hast! *gg* Plätzchen backen mache ich – wenn ich alleine mit den Kindern bin- NUR noch mit jeweils einem Kind, nie, nie nie mehr mit zweien, und schon gar nicht mit mehreren, denn das geht nicht gut. Nie.
    Von daher: Hier, Dein Orden! *überreich*
    🙂

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